Loslegen und loslassen – das Erfolgsrezept des Essener Unternehmers Reinhard Wiesemann.

Text: Dr. Birgit Ebbert Fotos: Reinhard Wiesemann

Während andere Unternehmer versuchen, ein Höher, Schneller, Weiter, Besser in ihren Firmennamen zu pressen, hat sich Reinhard Wiesemann 2004 entschieden, sein neues Projekt „Unperfekthaus” zu nennen. Er wollte mit seinem Kreativhaus – heute ein über die Stadt Essen hinaus bekannter Treff der Kreativszene – einen Ort schaffen, der inspiriert und Mut macht, etwas auzuprobieren. „Orte beeinflussen Menschen”, da ist der gebürtige Wuppertaler sich sicher.

„Ein perfekt gestalteter Raum mag schön wirken, aber er blockiert oft Ideen und eigenes Handeln.”

In einer Gesellschaft, in der alles perfekt sein muss, entstehen hier gerade aus dem Unperfekten neue Aktionen und Projekte.

Reinhard Wiesemann ist ein perfektes Beispiel für den Mut zum Unperfekten. Er besitzt einige sehr erfolgreiche Unternehmen, eines davon seit über 40 Jahren, und weist auf seiner Website dennoch auf Projekte hin, die gescheitert sind. Zumindest in ihrer ursprünglichen Intention; am Ende hat er die Ideen trotzdem realisiert – anders eben.

Vom Bausatz-Tüftler zum Unternehmer – Reinhard Wiesemann

So war das immer, seit Reinhard Wiesemann vor fast 50 Jahren als Zwölfjähriger mit Chemikalien tüftelte und feststellte: „Es war zwar schön, auf diese Weise etwas zu bewegen, aber letztlich war das ein teures Vergnügen. Das Taschengeld verpuffte im wahrsten Sinne des Wortes.” Bei der Suche nach Alternativen entdeckte er die Elektronik, besuchte sämtliche Kurse zur Elektrotechnik in seiner Heimatstadt und lernte in VHS-Kursen Morsen und den Aufbau von Detektoren. Auf dem Schrottplatz baute er alte Radios auseinander, um kostenlose Bauteile für seine eigenen Projekte zu bekommen. Und er brauchte immer mehr, denn am Übergang vom elektronischen zum digitalen Zeitalter sprach sich herum, dass der Reinhard von nebenan Bausätze zusammenstellte, aus denen sich Mikrocomputer bauen ließen. Die Nachfrage aus seinem Umfeld stieg, sodass er neben der Schule immer mehr zu tun bekam.

Seine Bekanntheit wuchs über das Bergische Land hinaus, als er mit 17 beim Wettbewerb „Jugend forscht für Europa” den zweiten Preis auf europäischer Ebene gewann. Mit 18 verfasste er erste Aufsätze über seine Computer und das Einfamilienhaus seiner Eltern verwandelte sich in eine Logistikzentrale.

„Neben dem Telefon lag eine Liste. Wer das Gespräch annahm, notierte die Bestellungen. Waren dies anfangs Bausätze, wurden immer häufiger fertige Computer nachgefragt, und Reinhard Wiesemann schaffte die Arbeit neben der Abitur-Vorbereitung nicht mehr alleine. Als er sich Unterstützung durch einen Freund holte, riet sein Vater ihm, ein Gewerbe anzumelden. Aus dem Hobby war noch vor dem Abitur ein Beruf geworden. Trotzdem begann Reinhard Wiesemann ein Studium der Elektrotechnik, bis er nach sechs Semestern entschied, eine Pause zu machen, weil das Unternehmen nicht nebenher zu leiten war.

Immer der Zeit voraus – beim Computer und Mehrgenerationenhaus

Diese Pause dauert bis heute”, gibt der Unternehmer zu. Allerdings ist er längst nicht mehr im operativen Geschäft seines ersten Unternehmens, der Wiesemann & Theis GmbH, tätig, seit er einen Freund als Teilhaber hinzugezogen und ihm 1999 die alleinige Geschäftsführung übertragen hat. Denn da hatte er eine neue Idee – das Linuxhotel, in dem er nicht nur die Kurse zur Opensource-Software leitete, sondern von der Buchung bis zum Frühstücksservice anfangs alles selbst erledigte. Diese Aufgaben liegen heute ebenfalls in den Händen anderer, denn 2004 war da die Idee zum „Unperfekthaus”, dem vielleicht bekanntesten seiner Unternehmen und dem einzigen, das nicht immer schwarze Zahlen schreibt.

„Aber es ist ein Herzensprojekt, weil ich hier einen Raum geschaffen habe, in dem Kreative ohne Sorge vor dem finanziellen Ruin Träumen nachgehen und Experimente wagen können.”

Reinhard Wiesemann

Während die Kreativen sich noch im Unperfekthaus ausprobieren, ist Reinhard Wiesemann mit den Gedanken bereits woanders. Bei seinem Mehrgenerationenhaus, dem GenerationenKult-Haus in Essen z.B. und der VielRespektStiftung, die mit ihrem Geschäftsführer Ali Can und dessen Projekt #MeTwo gegen Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund weltweit Furore macht. Gerade tüftelt er an seiner neuesten Idee, einer App, mit der Nachbarschaftshilfe unkompliziert und ohne Druck für die Helfenden initiiert werden kann.

Mit 61 denkt Reinhard Wiesemann noch nicht an den beruflichen Ruhestand, aber er beschäftigt sich damit, wie es weitergehen könnte. Er sucht Verantwortliche, die seine Unternehmen in seinem Sinne weiterführen.

Nicht nach seinen Vorgaben – das ist ihm wichtig. Nachfolge heißt für ihn nicht, einen Status quo zu sichern, sondern die Idee des Projekts weiterzutragen und in die Zeit einzubinden. „Als ich mit 18 Jahren meine Bausätze aus Autoradios zusammenstellte, konnte ich mir auch nicht vorstellen, dass man 40 Jahre später ein Mobiltelefon benötigt, um einen Impftermin zu vereinbaren.” Unternehmer sein bedeutet für Reinhard Wiesemann, mit Veränderungen umzugehen.

„Man muss loslassen können, im Interesse des Unternehmens, das einem am Herzen liegt.”

Reinhard Wiesemann

Weitere Nachrichten

Aktuelles

Berater

Finden Sie den für Ihre Situation passenden Berater in unserem Beraterpool